Erste Eindrücke der Ausstellung ´Mit Leib und Seele´

(CE) Unter dem Titel ´Mit Leib und Seele – Münchner Rokoko von Asam bis Günther´ hat die Hypo-Kunsthalle in Kooperation mit dem Diözesanmuseum Freising eine wahrhaft großartige Schau auf die Beine gestellt. Erstmals seit 30 Jahren ist in München derart umfangreich und überwältigend die goldene Epoche bayerischer Kunst wieder zu sehen. Das bayerische Rokoko, diese besondere Blüte der Künste von 1720 bis 1780, prägt bis heute München und besonders Oberbayern, es gibt seinen Schlössern, Rathäusern, Kirchen und Klöster das typisch bayerische Gesicht. Die Bedeutung dieser Zeit für Bayern ist künstlerisch, kulturell, mentalitäts- und religionsgeschichtlich gar nicht hoch genug zu veranschlagen.

Welch phantastische Bildhauer, Maler, Stuckateure, Architekten und Gesamtkünstler hat Bayern im 18 Jahrhundert nicht angezogen oder selbst hervorgebracht: Die Gebrüder Asam, Johann Baptist Straub, Franz Aton Bustelli, Francois Cuvilliés, Ignaz Günther, Roman Anton Boos und andere. Sie alle sind mit Ausnahme (leider) von Cuvilliés in der Ausstellung mit Hauptwerken in breiter Zahl vertreten. Der Schwerpunkt liegt auf der sakralen Kunst, welche die dominante Strömung zumindest in Bayern bildete. So beschäftigen sich Ausstellung und Katalog auch mit der Frömmigkeit, den höfischen und bürgerlichen Wertvorstellungen der Zeit und weiten den Blick bewusst aus – weg von einer rein formal kunsthistorischen, akademisch verengten Perspektive, wie wir es in der Vergangenheit oft bei anderen Ausstellungen ähnlicher Thematik erlebt haben.

Die Fotos unten zeigen erste Eindrücke der in den Räumen der Hypo-Kunsthalle großartig inszenierten Schau. In solcher Zahl Meisterwerke von Asam, Straub oder Günther versammelt zu sehen ist beeindruckend. Das Charakteristische der verschiedenen Künstlerpersönlichkeiten und ihrer Werke wird so unmittelbar deutlich. Auch liegt in ein besonderer Reiz in der Herangehensweise der Macher, sich auf die einzelne Skulptur zu konzentrieren. Einerseits löst dies die Exponate aus dem Zusammenhang des Gesamtkunstwerks etwa einer Kirchenausstattung zwangsläufig, andererseits kommt so die einzigartige Qualität der einzelnen Kunstwerke noch stärker zum Vorschein. So konzentriert und in dieser Breits jedenfalls habe ich an einem Ort das bayerische Rokoko noch nie gesehen (und genossen).

 

 

Schnappschuss: Der Gebückte

(CE) ´Present Continuous´ – so hat der niederländische Bildhauer Henk Visch seine Aluminium-Skulptur betitelt, die seit 2011 vor dem Ägyptischen Museum zu sehen ist. Betrachtet man die Arbeit genauer, erkennt man, dass von der Stirn der Figur ein roter Stab senkrecht in Richtung Boden verläuft. Dieser kommt, was viele nicht wissen und auch nicht sehen können, in einem der unterirdischen Museumssäle wieder zum Vorschein und ragt ein Stück aus der Decke.

Gemeint ist die Verbindung zwischen dem Heute und der Vergangenheit, welche – wie im Fall des Museums – oft unter der Oberfläche unterirdisch verborgen liegt. Das ist an sich eine schöne Symbolik, nur: Niemand scheint bei der Aufstellung der Skulptur den städteräumlichen Zusammenhang beachtet zu haben. Die Figur ist parallel zur viel befahrenen Gabelsberger Straße platziert. Schätzungsweise 90 Prozent aller Betrachter sehen die Figur also beim Vorbeifahren mit dem Auto. Aus dieser Perspektive sieht es so aus, dass sich hier jemand bückt und sich seines Mageninhaltes entledigt, um es einmal so ausdrücken. Der Name `Der Blutkotzer´ hat sich für die Skulptur in München schon fast eingebürgert. Stellte man die Figur um 90 Grad seitlich zur Straße um, wäre das Problem gelöst und auch die Vorbeifahrenden würden erkennen, dass hier jemand nach unten schaut und nicht spuckt.

KUNST-TOUR ist ein Netzwerk von Kunstvermittlern und bietet Museums-, Ausstellungs- und Stadtführungen sowie Kulturprogramme in und um München.

 

 

Schnappschuss: Der Harmlos

(CE) Wie schön ist es, dass man – wenn man in Münchens City arbeitet – seine Mittagspause im Englischen Garten verbringen kann. Das sonnige Herbstwetter lädt momentan unbedingt dazu ein. Am Übergang vom Hofgarten zum Englischen Garten steht seit 1803 die Jünglingsstatue des Antinoos. Geschaffen hat sie Franz Jakob Schwanthaler. Sein Sohn Ludwig wird später durch die Bavaria, ja die an der Theresienwiese, berühmt werden. Schwanthalers Skulptur wird seit altersher in München „der Harmlos“ genannt. Das liegt an der Spruchtafel, an die sich der schöne Nackte lehnt. Gut lesbar für alle Gartenbesucher steht darauf: „HARMLOS WANDELT HIER. DANN KEHRET, NEU GESTAERKT, ZU IEDER PFLICHT ZURÜK.“

Womit wir wieder bei der Mittagspause wären und ihrem höheren Sinn. Die Wittelsbacher haben, wie der Spruch deutlich macht, den Englischen Garten nicht zum schieren Volksvergnügen angelegt. Ganz im Sinne der Aufklärung sollte das Schöne mit dem Nützlichen in Deckung gebracht werden. Als Volkspark diente der Englische Garten der Stärkung der Volksseele. Endzweck war die bessere Ausübung der Pflichten eines Jeden. Heute würde man sagen, der Garten sollte das nachhaltige Funktionieren der Human Ressourcen sicherstellen. Nun, wenn ich an meine Mittagspausen denke, Münchens zentraler Garten erfüllt diesen Zweck bis heute nahezu perfekt.

Übrigens, harmlos war dieser Antinoos wahrscheinlich nicht. Er war der Lover Boy Kaiser Hadrians. Unter ungeklärten Umständen ertrank der schöne Jüngling im Jahr 130 in den Fluten des Nils. Hadrians Frau, Kaiserin Vibia Sabina, soll über den frühen Tod ihres Nebenbuhlers nicht unglücklich gewesen sein.

 

Es tut sich was im Buchheim Museum

(CE) Günter Behnisch, der Architekt des Münchner Oympiageländes von 1972, hat 2001 für die Sammlung Buchheim ein wunderbares Gebäude geschaffen. Mit vielen Balkonen terrassenförmig zum Starnberger See hin angelegt, bietet es herrliche Ausblicke auf die wunderbare Umgebung. Das Ehepaar Buchheim hat alle Balkone schließen lassen, viele große Fenster verhängt oder sogar brutal Trennwände davor setzen lassen. Auch die Oberlichter, die für optimales Tageslicht für die berühmte Expressionisten-Sammlung sorgen, wurden verdunkelt. Seit langem sorgt Kunstlicht in den großen Galeriesälen für die Beleuchtung, ein Unding.

Lothar-Günter Buchheim, der exzentrische und umstrittene Sammler, starb 2007. Seine Witwe Diethild, die bis zum Schluss das Sagen hatte, folgte ihm mit 91-jährig im März dieses Jahres. Mit dem neuen Direktor Daniel J. Schreiber tut sich endlich was im Buchheim Museum. Wo früher ´Betreten Verboten´ stand, steht heute ´Öffne mich!´. Gemeint sind die Balkone, die wieder betretbar sind. Bunte Liegestühle laden überall ein, sich hinzusetzen und die Landschaft zu genießen. Das generelle Fotografierverbot hat der neue Direktor aufgehoben, ohne Blitz darf man nun die tolle Architektur ablichten.

Wie mir scheint, hat sich der gesamte Geist im Museum positiv geändert. Früher hatte ich immer das Gefühl, argwöhnisch kontrolliert zu werden, nicht immer war das Personal freundlich. Die abgedunkelten Räume, der Museumsshop, das angelockte Publikum, die gesamte Atmosphäre ließ eine us-amerikanische Teilnehmerin bei einer meiner Führungen mich einmal fragen: „Is this museum a sanatorium?“ – „Not quite“, war, glaube ich, meine Antwort damals.

Auch scheint mir die neue Leitung stärkere moderne Akzente zu setzen, wie die eindrucksvolle Arbeit von Dominique Zinkpè ´Taxi Luxembour´ von 2005 (Bild) zeigt. Der bis vor ungefähr zehn Jahren in Marseille als Taxi eingesetzte Peugeot von 1960 ist mit Taschen und Krempel über und über beladen. Auf der hinteren Ladefläche befinden sich fest verschnürte, in Plastikfolie gewickelte Gipsfiguren, die an afrikanische Migranten denken lassen. Eine Arbeit, die unglaublich gut in die Buchheim-Sammlung passt, welche ja (neben den bekannten Expressionisten) mit großartiger naiver Kunst aufwartet.

Es tut sich also was im Buchheim Museum. Einen Ausflug ist es in jedem Fall wert. Für die Zukunft wünschen wir uns, dass endlich die Oberlichter wieder geöffnet, die Trennwände vor den Fenstern beseitigt und die Gardinen abgehängt werden, so dass noch mehr Sonnenlicht in die Räume fluten kann. Es muss nicht alles zur gleichen Zeit ausgestellt werden! Less is more. Auch darf noch mehr die Avantgarde und Gegenwartskunst in das „Museum der Phantasie“ einziehen. Es täte dem Haus gut.

Trip to Neuburg

(CE) Am Wochenende haben wir einen Ausflug nach Neuburg an der Donau unternommen. Die kleine Stadt in Oberbayern, ca. 50 km westlich von Ingolstadt gelegen, hat eine große Geschichte.1505 wurde sie die Residenzstadt des Herzogtums Pfalz-Neuburg. Pfalzgraf Ottheinrich ließ sich ein großes Schloss im Stil der Renaissance bauen, das heute von den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen als Filialgalerie ´Flämische Barockmalerei´ genutzt wird. Wer Jan Brueghel, Rubens, van Dyck und Jordaens liebt, sollte nach Neuburg fahren. Uns haben neben van Dyck besonders die Porträts Barthel Behams sehr gefallen. Kein Flame, sondern Nürnberger, der zu Beginn des 16. Jahrhunderts vor allem für den bayerischen Hof in München tätig war. Den alten braunen 50-Mark-Schein, wer ihn noch kennt, zierte ein Männerbildnis von Beham.

In Neuburg ist vor allem die historische Oberstadt sehenswert, die vom Krieg weitgehend verschont geblieben ist. Gesehen haben sollte man auch die Hofkirche ´Zu Unserer Lieben Frau´, ein schöner Bau der Spätrenaissance. Für den Hochaltar ließ der spätere Pfalzgraf Wolfgang Wilhelm den großen Meister Peter Paul Rubens ein riesiges Gemälde malen: ´Das jüngste Gericht´. Die vielen Nackten im Bild waren den Neuburgern damals ´too much´ und so kam das Werk über Umwege in die Alte Pinakothek, Glück für München. – Gemächlich fliesst die Donau am Burgberg vorbei, würdevoll und bedachtsam grüßt die Residenz mit ihren gewaltigen Rundtürmen. Ruhig und sachte schien uns auch das Leben der kleinen Stadt zu sein. Es ist schön, dass es in Bayern solche Städte gibt.

Hier ein paar Eindrücke:

 

 

 

 

 

 

 

 

Kaltenberger Ritterspiele: Nach dem Turnier ist vor dem Turnier

(DE) Aus ist´s, schön war´s und vor allem aufregend: die diesjährigen Kaltenberger Ritterspiele. Das größte Mittelalter-Festival der Welt endete fulminant am vergangenen Sonntag und lässt einen schon auf nächstes Jahr gespannt sein. Wir sind auf alle Fälle wieder dabei, wenn eine neue Story vom furchtlosen Recken das spannende Turniergeschehen umrahmt und 200 Darsteller und Mitwirkende von Neuem das Mittelalter zum Leben erwecken.

Dieses Jahr war es eine Geschichte von Mord und Sühne. Es ging um den feigen Mord des Schwarzen Ritters am König und Vater der beiden Prinzen Arnulf und Blacwin und wie diese nach spannenden Kämpfen diese Tat rächen. Die Story gipfelt nach zwei Turnieren und witzigen Gauklernummern in einer atemberaubenden Entscheidungsschlacht. Dabei gibt die erprobte französische Stuntgruppe Chevaliers de Tournoi mit ihren wunderschönen andalusischen Pferden alles: von Ritten durch Feuerwände zu absichtlichen und unabsichtlichen (?) Stürzen bis hin zu akrobatischen Übungen an, auf und unter dem galoppierenden Pferd.

Die brodelnde Stimmung in der etwa 10.000 Menschen fassenden Kaltenberger Arena erinnert an ein Fußballstadion, La-Ola-Wellen miteingeschlossen. Am Ende der Live-Show haben nicht nur die Ritter Adrenalin im Blut. Viele der Gäste sind Wiederholungstäter und nicht wenige kommen gleich mittelalterlich gewandet.

Adäquate Kleidung und viel Kunsthandwerk aus Holz, Metall und Leder findet man bei einem Bummel rund ums historische Schloss, wo auf einem liebevoll errichteten Mittelaltermarkt eifrig Handel getrieben wird. Man kann einem Waffenschmied bei der Arbeit zusehen und staunen, wie geschickt ein Drechsler mit historischen Werkzeugen umgeht. Und bei der Blumenfrau gibt´s einen Strauß Wiesenblumen für die Liebste. In insgesamt elf über das Gelände verteilten Lagern und auf sechs Bühnen taucht man vollends ins authentische Mittelalterleben ein. Selbstverständlich wird man auch kulinarisch bestens versorgt und kann sich u.a. an Rahmfleck und Krustenbraten laben. Zusammen mit einem echt Kaltenberger Bier ein Hochgenuss. Alles in allem habe ich mich danach wie nach einem Kurzurlaub gefühlt, bei dem man in der perfekten Kulisse des Kaltenberger Schlosses in eine fremde Welt eintaucht.

Seit 1980 findet unter der Leitung von Luitpold Prinz von Bayern das Spektakel statt. Er lässt es sich nicht nehmen, das Turnier mit salbungsvollen Worten hoch zu Ross zu eröffnen. Pünktlich zum 35-jährigen Jubiläum ging dieses Jahr die Turnierleitung über zur nächsten Generation an seinen Sohn Heinrich von Bayern. Für das Jahr 2015 ist Großes geplant: Endlich soll die Kaltenberger Arena überdacht werden, um den Besuchern mit Sonnen- und Regenschutz mehr Komfort zu bieten. Ein Teil der Arena wird so in einen riesigen Burghof verwandelt. Wir sind sehr gespannt!

Wer nicht bis dahin warten möchte, kann am 8. August am gleichen Ort die Live-Darbietung des Fantasy-Epos Die Zwerge nach Markus Heitz genießen. Das mehr als zweistündige Multimedia Event inszeniert die Zwergen Saga in einer Kombination aus Lesung, Konzert, Schauspiel und Film und verspricht große Unterhaltung.

 

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Schnappschuss: Dachterrasse Hotel Bayerischer Hof

(CE) Wer mag es nicht, über den Dächern von Nizza, pardon München, am Nachmittag einen Kaffee oder am Abend einen Martini zu genießen? Die Dachterrasse des ältesten Münchner Grand Hotels Bayerischer Hof lädt dazu ein und zwar im wörtlichen Sinne. Das Cafe Restaurant über Münchens City ist öffentlich, jeder ist willkommen. Das Personal ist sehr zuvorkommend und locker. Niemand wird schief angeschaut, der in Normalkleidung durch das Luxushotel schlendert.

Um in das geschmackvoll gestylte Dachcafé zu kommen, lassen Sie gegenüber der Rezeption einen der vier Fahrstühle kommen und wählen die oberste Etage. Oben angekommen, dann die Treppe rechts zum Spa-Bereich nehmen und schon sind Sie da. Der Blick von der Dachterrasse ist traumhaft. Direkt gegenüber sieht man den Nordturm der Fraunkirche, rechts Stachus und Hauptbahnhof und links den gesamten Münchner Osten. Übrigens: Der Dachgarten des Bayerischen Hofs ist Teil unserer Führung München Spezial, die zu besonderen, unbekannten bzw. nie besuchten Orten in München führt. Nun, dieser hier sei verraten. Alle anderen erfahren Sie auf unserer Führung.

 

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Teezeremonie im japanischem Teehaus im Englischen Garten

(DE) Alle haben davon gehört, aber die wenigsten finden den sehr lohnenden Weg dorthin: Im südlichen Teil des Englischen Gartens gleich hinter dem Haus der Kunst steht seit 1972 das japanische Teehaus auf einer kleinen Insel. Eines von ganz wenigen außerhalb Japans. Von April bis Oktober findet dort an jedem zweiten Wochenende im Monat eine traditionelle Teezeremonie statt, die ich kürzlich miterleben durfte.

Bei einer japanischen Teezeremonie, auch der Weg des Tees genannt, lässt der Tee-Meister in einem einfachen Raum eine Atmosphäre der Besinnung und Konzentration entstehen, die einen so schnell nicht mehr loslässt. Dabei unterliegt jeder Vorgang von der Körperhaltung bis hin zu den Geräten strengen Regeln, die der Zen-Philosophie nahestehen. Die japanische Teekunst umfasst nicht nur die korrekte Zubereitung des Tees, sondern bezeichnet allgemein die gesamte Einstellung der Menschen zum Teegenuss.

Der Vorführungsraum strahlt mit seinen gedämpften Erdfarben, japanischen Papierwänden und den Tatamimatten eine angenehme Ruhe aus. Nach einer kurzen Einführung in die Hintergründe der Zeremonie beginnt die Vorführung, deren vier Prinzipien Harmonie, Respekt, Reinheit und Stille sind. Gezeigt wird ein Ausschnitt einer traditionellen Zeremonie, bei der ein bayerisch sprechender Gastgeber für eine Japanerin, beide im Kimono, den Tee zubereitet und stilvollendet kredenzt

Dies geschieht vorwiegend auf den Knien, mit vielen Verbeugungen und abgezirkelten hochkonzentrierten Bewegungen. Sehr berührend ist dabei die große Achtsamkeit vor allen Gegenständen, dem verwendeten Wasser und dem edlen grünen Teepulver, das mit einem Bambusbesen zu einer schaumigen Flüssigkeit geschlagen wird. Durch das nochmalige Reinigen der (selbstverständlich längst schon sauberen) Teeschale mit einem Seidentuch erweist der Gastgeber dem Gast seinen tiefen Respekt. Im Anschluss an die Vorführung servieren zwei Japanerinnen in pastellfarbenen Kimonos auch den Zuschauern grünen Matchatee in hübschen Schalen und einen kleinen japanischen Keks, dessen intensiver Geschmack vor dem herben Tee genossen werden soll.

Wenn man das kleine Refugium über die Brücke wieder verlässt, nimmt man die Umgebung, den Park und die Flaneure dort viel intensiver und genauer wahr als vorher. Und vielleicht kann man etwas von eben aufgenommenen der Achtsamkeit in Zukunft in den Alltag integrieren. Für noch mehr Japanfeeling findet jedes Jahr an einem Juliwochenende rund um das japanische Teehaus das Japansommerfest statt mit einer bunten Mischung aus Bühnenvorführungen, sportlichen Veranstaltungen und Darbietungen von Japanvereinen aus dem Raum München. Hier die Website mit den Vorführterminen: www.urasenke-muenchen.de

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How to work better – Playtime im Kunstbau des Lenbachhauses

(CE) Seit ein paar Tagen läuft die sehenswerte Ausstellung Playtime im Kunstbau des Lenbachhauses im Zwischengeschoss der U-Bahn-Station Königsplatz. Sie versammelt spielerisch und ernst zugleich künstlerische Reflexionen und Positionen des 20. und 21. Jahrhunderts zum einem zentralen Thema: Arbeit. Wer arbeitet, warum, für wen und unter welchen Bedingungen?

Ganz kurz: Die Ausstellung ist großartig. Eine Arbeit sei an dieser Stelle exemplarisch herausgegriffen, die des Schweizer Künstlerduos Peter Fischli und David Weiss How to work better (Bild). Ich selbst habe lange im Marketing und in der Unternehmenskommunikation eines Global Player gearbeitet. Das, was Fischli und Weiss thematisieren und wiederspiegeln, ist mir sehr bekannt.

Die zehn Gebote besseren Arbeitens haben die Künstler vor über zwanzig Jahren in einer Keramikfabrik in Thailand entdeckt, fotografierten sie ab und überführten sie in farbige Siebdrucke, die an den Look von Keramikkacheln erinnern. Die Gebote zielen auf perfekte Arbeitsabläufe und optimale Ergebnisse ab, sind aber grafisch betrachtet selbst nicht gerade optimal umgesetzt. Die verrutschten Zeilen und seltsamen Zeilenumbrüche wirken wenig professionell. Die Form konterkariert die Forderungen des Inhalts.

Das erste Gebot ist eine praktische Forderung: „1. Do one thing at a time.“ Weiter geht´s mit: „2. Know the problem.“ Aha. Dazu passt auch das Gebot: „5. Distinguish sense from nonsense.“ Alles ganz einfach, alles ganz logisch. Wer das Problem kennt, wird natürlich Sinn von Unsinn unterscheiden können. Das ist in der Wirtschaft, vor allem am Fließband, ein Kinderspiel.

Jetzt kommt mein Lieblingsgebot, das sechste: „Accept change as inevitable.“ Der Satz sticht heraus. Anders als die anderen praktischen Gebote befindet sich dieser auf einer übergreifenden, fast philosophischen Ebene. Er richtet sich nicht auf das Verhalten der Mitarbeiter, sondern auf deren Haltung. Mit Sicherheit hat das Topmanagement zusammen mit der beauftragten Unternehmensberatung diesen in den Katalog der Mitarbeiterkommunikation diktiert.

Panta rhei, alles fließt, meinte schon Heraklit. Veränderungen sind unausweichlich, also zu akzeptieren. Gemeint sind – nicht bei Heraklit, aber in der Wirtschaft – allerdings nur die negativen. Der Begriff „Change“ ist ein klassischer Euphemismus im Business Speak, ähnlich wie die Begriffe „Anpassung“, „Optimierung“ oder „Freisetzung von Arbeitskräften“. Change heißt konkret übersetzt: Fusionen, Umstrukturierungen, Schließungen, Arbeitsplatzabbau, Lohndumping, Steigerung der Produktivität durch Mehrbelastung, Einsparungen, Abbau von Sozialleistungen, Einschnitte jeder Art.

Change Management, auch Culture Change genannt, kam als Trend aus dem gelobten Land des gut gelaunten Kapitalismus, den USA, in den 90er Jahren auf. Change Agents wurden in den Unternehmen ausgewählt, auch Evangelisten genannt. Sie beriefen Meetings ein und verkündeten die Frohe Botschaft des Wandels. Plattitüden wie „4. Learn to ask questions“ (aber bitte nur arbeitsbezogene, keine systemkritischen) oder „8. Say it simple“ sind solch typische Weisheiten des angestoßenen Kulturwandels. Ganz wichtig und als Beruhigungspille die Aufforderung „9. Be calm“ (Mach dir keine Sorgen, alles wird gut!) und als Krönung und positiver Höhepunkt des Ganzen das Gebot 10: „Smile“.

Hier zeigt sich die lächelnde Fratze des fröhlichen Kapitalismus amerikanischer Prägung und Spielart. Wir sind ja alle so locker drauf, so happy und vor allem unheimlich nett zu einander. Alles easy, think pink, work hard, play hard, have fun, smile! Akzeptiere die Veränderungen als unausweichlich, füg dich ein und zeig durch ein Lächeln, wie glücklich dich das alles macht.

Ich stelle mir gerade die Menschen in den Fabriken in Bangladesh, in Südostasien, in China vor, sehe diese Gebote und mir vergeht das Lächeln. Aus Scham und Wut ist mir eher zum Heulen. Change our economy, change the world!

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Weißes Gold: Nymphenburger Porzellan gar nicht angestaubt

(DE) Früher habe ich mich nicht hineingetraut in den edlen Nymphenburger Porzellanladen direkt am Odeonsplatz. Alles wirkte so betulich, teuer und konservativ. Seit ich jedoch kürzlich die Nymphenburger Porzellanmanufaktur am Schlossrondell besucht habe, bin ich ein Fan.

Seit 1761 wird dort das sogenannte „weiße Gold“ hergestellt. Jedes einzelne Stück ist ein Unikat. Nach einem geheimen, 260 Jahre alten, immer weiter verfeinerten Rezept wird als erstes die Porzellanmasse hergestellt und dann auf Drehscheiben zu Tellern, Tassen oder Vasen geformt. Objekte, die sich so nicht herstellen lassen, werden von Hand gegossen. Mischmühle und Dreherei, die wie ehedem die Wasserkraft des Schlossbachs antreibt, erinnern ein wenig an eine Bäckerei. Konzentriert modellieren anschließend in der sogenannten Bossiererei Spezialisten mit verschiedenen Instrumenten und Skalpellen die Oberflächen und Details. Weiter geht es in die Brennerei, nach dem Brennvorgang zur Glasur. In ihrem Atelier übertragen dann die Porzellanmaler die Motive mit Pinseln (ohne Schablonen) auf das glasierte Material, bevor es abschließend noch einmal gebrannt wird.

In der Manufaktur und im Laden im Odeonsplatz lassen sich die Ergebnisse dieses höchst künstlerischen Prozesses bestaunen. Berühmt ist das Nymphenburger Porzellan durch die Comedia dell‘ arte Figuren nach Entwürfen des Rokoko-Künstlers Anton Bustelli (1723 – 1763) geworden, die nach wie vor verkauft werden (siehe Bild 1). Immer wieder haben namhafte, ja berühmte Modeschöpfer wie Karl Lagerfeld, Valentino, Christian Lacroix, Vivienne Westwood oder Angela Missoni für die Manufaktur gearbeitet und Designs geliefert. Die Manufaktur hat verschiedene wunderbare Schmuckserien aus Porzellan entwickelt. Zum Produktangebot gehören neben den Services u.a. Accessoires, Figuren, Tiere, Tischschmuck und Vasen, das meiste von zeitgenössischen Designern. Betuchlich oder konservativ ist das nicht mehr!

Sehr gut gefallen haben mir die Arbeiten von den Designern Ruth Gurvic (Teekanne, Bild 2), Ted Muehling (Service, Bild 3) und Hella Jongerius (Tier-Teller, Bild 4), alle im Laden am Odeonsplatz zu sehen. Hier der Link zu der schönen und interessanten Website der Nymphenburger Porzellanmanufaktur.

 

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