Nackert im Englischen Garten

(CE) Eigentlich wollte ich gestern nach einer Führung durch Schwabing den frisch restaurierten Monopteros fotografieren. Die tz hatte berichtet, er sei endlich von seinen Gerüsten befreit, was sich dann als Teilwahrheit herausstellte. Betreten kann man ihn leider noch nicht, sondern nur um ihn herumgehen.

Gestern war wieder einer dieser strahlenden, Sonnen durchfluteten Herbsttage, in denen München als nördlichstes Stadt Italiens ihr besonderes Flair entfaltet. Alle sind aus den Ferien zurück und wer nicht gerade auf der Wiesn war, genoss den Park. Ich liebe den Englischen Garten, kenne ihn in und auswendig. Die Kilometer, die ich durch ihn gejoggt, spaziert oder mit dem Fahrrad gefahren bin in über zwanzig Jahren, sind nicht wenige. Jedes Jahr kommen ein paar Führungen, meist Radtouren, hinzu.

Als Werkstudent kannte ich einen Kommilitonen, der Ende der neunziger Jahre jedes sonnige Wochenende den Nackerten im Garten, insbesondere den Damen, nachstellte. Er kam aus Bolivien oder Paraguay, war neu in München und völlig aus dem Häuschen, gänzlich unbekleidete Frauen in der Natur zu erblicken. Nach dem Wochenende nervte er dann alle mit seinen peinlichen Berichten, welche Frauen mit welchen körperlichen Vorzügen er beobachtet hatte. Nun, Mario, so hieß der Spanner, wäre heute todunglücklich. Nackte Frauen sieht man eigentlich gar nicht mehr. Wie vielen ist mir aufgefallen, dass die Nackerten im Englischen Garten seit mindestens zehn Jahren zu einer aussterbenden Art gehören. Früher fuhren die Nudisten tatsächlich im Evakostüm mit der Tram zum Englischen Garten. Öffentliche Nacktheit war politisches Statement, Ausdruck von Freiheit und Unangepasstheit. Die Nackten waren eine Touristenattraktion. Noch heute wird in manchen Reiseführern auf diese Münchner Spezialität hingewiesen. Eine ausländische Reisegruppe berichtete mir kürzlich, im Englischen Garten keinen einzigen Nackten gesehen zu haben! Man war tief enttäuscht.

Auch gestern habe ich nur drei, vier einsame Nackerte ausmachen können in ihrem Schutzgebiet der Schönfeldwiese, der offiziellen FKK-Zone des Englischen Gartens gleich gegenüber vom Monopteros. Wie vieles in München ist auch dieser Lebensbereich bestimmten Regeln unterworfen. Ordnung muss in dieser schönen Stadt sein.

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Da ich die Kamera dabei hatte, habe ich so rücksichtsvoll wie möglich die Nudisten fotografiert. Es ist ein bisschen so wie auf einer Safari, wo man auf quasi freier Wildbahn exotische Geschöpfe vor die Kamera bekommt. Hah, das ist einer und da, weiter hinten. Bei meinen vielen Besuchen des schönsten Stadtparks der Welt bin ich zu folgender Typologie gekommen, die sich auch gestern wieder bestätigte: Typ 1 ist der nackte alte Mann, 65 plus, der ein einsames Fleckchen Sonne gefunden hat und inmitten der „Textiler“, wie es in den FKK-Foren heißt, sich möglichst unauffällig verhält. Typ 1 nenne ich den G´schamigen.

www-kunst-tour-de_nackert-im-englischnen-garten-2Typ 2 ist ebenfalls männlich, etwas jünger, 50 plus, meist gut gebaut und bestückt, komplett rasiert. Diese Art bewegt sich betont demonstrativ durch das Gelände, dreht permanent ihre Runden, liegt eigentlich nie und zeigt, was sie zu bieten hat. Typ 2 ist der Poser.

www-kunst-tour-de_nackert-im-englischnen-garten-3Die Freie Körperkultur in München hat ihre Wurzeln in der Schwabinger Bohème, in deren Kreis die ersten Nudisten sich ihrer Kleidung entledigten, allerdings an versteckten Orten an der Isar oder am Lago Maggiore. Im Englischen Garten wären Sie von der Polizei verhaftet worden. Nackt-sein bedeutete damals im Zeitalter einer galoppierenden Industrialisierung zurück zur ursprünglichen Natürlichkeit des Menschen zu finden und gegen das steife Bürgertum zu rebellieren. Hier eine Aufnahme der berühmten Schwabingerin Franziska zu Reventlow, eine „Sex-Ikone“ der Zeit wie 60 Jahre später Uschi Obermeier.

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Was bedeutet das Nackt-sein im Englischen Garten heute? Ist es immer noch ein antibürgerliches Statements oder ganz im Gegenteil Ausdruck einer gewissen Spießigkeit? Ist es mittlerweile unkonventionell oder nicht doch konventionell, da längst geregelt und völlig gefahrlos in puncto sozialer Ächtung? Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich ist es beides.

Um zum Schluss auf die beiden Typen zurückzukommen, ich mag die G´schamigen gerne. Den Poser finde ich höchst interessant. Bei aller Zurschaustellung schottet er sich in der Regel ab, trägt dunkle Sonnenbrillen, hört oft Musik, schaut niemanden an. Er ignoriert seine Umwelt, will aber unbedingt von dieser gesehen und wahrgenommen werden. Ein Narzisst, der im Englischen Garten seine Bühne gefunden hat und die Schönfeldwiese platzhirschend als sein Revier verteidigt. Auch diese besonderen Exemplare sollten nicht aussterben. München wäre ohne sie ganz sicher ärmer.

Erste Eindrücke von der Ausstellung ´Inszeniert´

www.kunst-tour.de_inszeniert(CE) Heute startet die sehenswerte Schau ´Inszeniert – Spektakel und Rollenspiel in der Gegenwartskunst´. Die Arbeiten aus der Sammlung Goetz sind bis zum 6.11.2016 in der Hypo-Kunsthalle ausgestellt. Hier ein kurzes Video mit Eindrücken von der Pressevorbesichtigung: Youtube (Kunst-Tour Kanal)

Kunst für Siemens

(CE) Bei der kürzlich eröffneten neuen Siemens-Zentrale am Wittelsbacher Platz im Herzen von München wurde in Sachen Kunst am bzw. im Bau nicht gespart. Zwei wirklich große Namen bereichern mit ihren Werken die Konzernzentrale. Da ist zum einen die Monumentalskulptur des US-amerikanischen Stararchitekten und Bildhauers Daniel Libeskind The Wings am Oskar-von-Miller-Ring.

www.kunst-tour.de_siemens1Drei gebürstete Aluminium-Elemente winden sich nach oben und verbinden sich in zehn Meter Höhe zu zwei weit ausladenden Flügeln. Die in sich gedrehten, schalenhaften Seiten lassen an Tulpenblätter denken, die hochgereckten Schwingen an die der berühmten Nike von Samothrake im Louvre. Eine sehr elegante, absolut gelungene Arbeit, die typische Formen der Architektur Libeskind wiederholt. In die Oberfläche der silbrig schimmernden Kunstinstallation sind übrigens tausende LED-Lampen eingelassen, welche die Skulptur nachts farbig leuchten lassen.

Zum anderen wartet die neue Zentrale mit einer imposanten Großskulptur von Georg Baselitz auf. Jene befindet sich im öffentlich zugänglichen Atrium des Neubaus von Henning Larsen Architects (Kopenhagen), welche 2011 den Wettbewerb klar für sich entschieden. Baselitz´ Bronze trägt den Titel Schwesterngruppe. Sie war in der großen Baselitz-Ausstellung im Haus der Kunst 2014/15 bereits in München zu sehen. Da hatte sie noch den provokanten Titel BDM-Gruppe. Tatsächlich handelt es sich, so Baselitz damals, um eine Erinnerung an seine Schwester mit zwei Freundinnnen, alle drei in BDM-Uniform, wie sie untergehakt durchs Dorf schritten.

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Man darf die Provokationen des Georg Baselitz nicht zu ernst nehmen. Tatsächlich deutet nichts an der Gruppe auf die dunklen zwölf Jahre deutscher Geschichte. Zentral ist das Unterhaken der drei Damen auf hohen Pumps. Diese Bildidee hat es in der Kunstgeschichte, etwa beim Motiv der Drei Grazien, so noch nicht gegeben hat. Ich bin ein großer Baselitz-Fan. Mich hat die Skulptur schon im Haus der Kunst in ihrer großen Ausdruckskraft und herben Kettensägen-Optik begeistert. Das Unterhaken und gemeinsame Voranschreiten ist sicher kein schlechtes Motiv für einen Weltkonzern wie Siemens.

Verzaubertes Mittelalter: Christoph Brech im Bayerischen Nationalmuseum

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Foto: Bayerisches Nationalmuseum

(DE)  Der international bekannte Foto- und Videokünstler Christoph Brech präsentiert im Bayerischen Nationalmuseum eine äußerst sehenswerte Auswahl seiner Arbeiten. Kürzlich hatte ich das Vergnügen, vom Künstler selbst durch dessen neue Ausstellung geführt zu werden und war begeistert. Unter dem Titel ÜBERLEBEN nimmt Brech unmittelbaren Bezug auf die Sammlung, erweckt die Museumsexponate zu neuem Leben, verfremdet sie und irritiert die Sinne. Seine etwa 20 Video-, Klang- und Rauminstallationen greifen ikonografische Themen der meist mittelalterlichen Kunstwerke auf und interpretieren diese auf überraschende Weise. Einige der Arbeiten sind für die Ausstellung neu entstanden, andere werden zum ersten Mal in München gezeigt.

www.kunst-tour.de_christoph brech2So wird in der Sammlung mittelalterlicher Glasmalerei Brechs Video Paradiso auf eine Säule in der Raummitte projiziert. Dabei ergeben sich fließende Farbkompositionen, die zusammen mit einem Klangteppich der Musik von Giovanni di Palestrina verzaubern. An anderer Stelle sieht man über einer mittelalterlichen Bettstatt goldene Schwäne langsam eine schwarze Wand entlang ziehen, untermalt von einem Klangemisch von Wagnerscher Musik und Berliner Straßengeräuschen. Das Ganze löst eine traumhafte Stimmung aus. Im Rittersaal (siehe Foto mit Künstler) steigen metallisch glänzende Heliumballons von den eisernen Handschuhen der Rüstungen auf und scheinen diese regelrecht zu entwaffnen. Es entwickelt sich ein poetisches Spiel der Gegensätze, Härte der Rüstungen versus Verletzlichkeit der Ballons.

Arbeiten des Künstlers, der an der Münchner Kunstakademie studiert hat, werden in Europa, Nord- und Südamerika sowie in Asien gezeigt. Schwerpunkte legt Brech auf die Themen Zeit und Vergänglichkeit, An- und Abwesenheit, Erinnerung sowie auf körperliche, geistige und spirituelle Übergänge. Ein wichtiges Thema seiner Arbeiten ist immer wieder die Musik. Brechs Arbeiten zeichnen sich durch große Sinnlichkeit sowie durch subtile Verweise auf die Kunstgeschichte und Hintergründiges aus.

Die Ausstellung im Nationalmuseum wurde verlängert und dauert noch bis zum 4.9. – am besten zu genießen mit einer fachkundigen Führung durch Kunst-Tour! Kooperationspartner der Ausstellung ist die Deutsche Gesellschaft für christliche Kunst,  diese zeigt im gleichen Zeitraum weitere Arbeiten von Christoph Brech in der Galerie der DG, Türkenstraße 16, 80333 München.

Pariser Kunst in München

(CE/DE) Die heute eröffnete Ausstellung im Münchner Haus der Kunst ´Eine Geschichte – Zeitgenössische Kunst aus dem Centre Pompidou´ ist stark. Mehr als das: Die Schau ist großartig. Noch nie hat die Pariser Kunstinstitution ihre exzeptionelle Sammlung moderner Kunst in dieser Breite und Tiefe auf die Reise geschickt.

Macherin ist die Chefkuratorin des Centre Pompidou Christine Macel, welche kürzlich als Kuratorin für die nächste Biennale in Venedig 2017 berufen wurde. Das lässt uns für die nächste Biennale frohlocken. Die Art und Weise, wie geschmackssicher und facettenreich Macel für die Münchner Schau Werke großer Qualität ausgewählt hat, sie in sinnvolle Zusammenhänge gliedert und wie sie diese leicht, heiter und ernst zugleich präsentiert, ist einzigartig. Auf der gestrigen Pressekonferenz sprach sie völlig unprätentiös in einfachen Worten über die moderne Kunst, klar und persönlich – wie wohltuend gegenüber dem hermetischen und eitlen Jargon vieler Kunstkritiker und Kunsthistoriker der zeitgenössischen Szene. Hier erste Bilder von der Ausstellung, die bis zum 4.9. in München zu sehen ist. Welch ein Glück!

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Sorolla in der Kunsthalle München

(CE) Die Kunsthalle München der Hypo-Kulturstiftung wartet mit einer interessanten Ausstellung eines hierzulande weithin unbekannten spanischen Impressionisten auf: Joaquím Sorolla, ausgesprochen Soroja. In Spanien gilt Sorolla (1863-1923) als Großmeister moderner Kunst und erfreut sich allergrößter Beliebtheit. Die 2009 vom Prado ausgerichtete Retrospektive des Malers war die erfolgreichste in der langen Geschichte des Museums. Nun kann sich die deutsche Öffentlichkeit ein umfassendes Bild des iberischen Manet machen. Es ist tatsächlich die erste umfangreiche Retrospektive des Spaniers in Deutschland. Insgesamt 120 seiner Werke sind in der Hypo-Kunsthalle zu bestaunen.

Unser erster Eindruck: technisch brilliant, lebensfroh, menschlich warm, interessante Blickwinkel, eindringliche, lichtdurchflutete Farbigkeit. Ganz besonders stark fanden wir Sorollas Strand- und Meeresbilder, ein Triumph von Licht und Farbe, wie es im Katalog treffend heißt. Sorolla ist ein Künstler in der großen Reihe der europäischen Impressionisten, der es definitiv verdient hat, gesehen zu werden. Eine echte Entdeckung. Hier erste Impressionen seiner Gemälde von der heutigen Pressekonferenz (zum Vergrößern Bilder bitte anklicken).

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KUNST-TOUR
Individuelle Museums-, Ausstellungs- und Stadtführungen sowie Kunstreisen in München und darüber hinaus

Schnappschuss: Dendroid in Schwabing

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(CE) Dendroide, so nennt der New Yorker Künstler Roxy Paine (*1966) seine Edelstahl-Bäume. 2011 hat er so einen Baum für einen neu geschaffenen Platz an der Mandlstraße in Altschwabing geschaffen, ganz in der Nähe des bekannten Münchner Standesamts, wo übrigens auch wir geheiratet haben. Fast könnte man im Dämmerlicht glauben, es handele sich um einen blattlosen, echten Baum, wenn da nicht die einheitlich silbrig schimmernde Oberfläche aus poliertem Edelstahl wäre. Den Baum kann man berühren, sogar umschlingen. Kalt fühlt er sich an, im Sommer sicher ganz warm. Seine Draht-Zweige hängen so tief herab, dass sie sich bewegen lassen. Sie wippen dann wieder zurück in ihre Position. Klopft man auf die glatte Metalloberfläche, Rinde ist hier sicher das falsche Wort, klingt es hohl. Komische Gefühle löst dieser Baum aus. Sieht auf den ersten Blick aus wie ein Baum, ist aber keiner. Erinnert eher an einen Roboter. Ein Dendroid, eben.

Vielleicht wird man eines Tages Alleen mit Dendroid-Bäumen in den Städten pflanzen, pardon installieren. Die sind sicher wetterfester und leichter zu pflegen als echte Bäume. Blattläuse oder andere Baumkrankheiten sind ebenfalls nicht zu erwarten. Solche sarkastischen Gedanken gehen mir bei der Skulptur von Paine durch den Kopf.

Discrepancy – Unstimmigkeit, Abweichung, Widerspruch – lautet der vielsagende englische Titel der lebensgroßen Skulptur. Ein guter Titel. Kunstwerke stehen oft im Widerspruch zu einer bestimmten Wirklichkeit. Sie arbeiten mit Diskrepanzen und überraschen durch bewusste Abweichungen von der Normalität, so auch die Stahlskulptur von Paine. So weicht auf der eine Seite der Baum von der Wirklichkeit der Natur ab, auf der anderen spiegelt er eine zweite wider: die Wirklichkeit der Technik und unserer technoiden Kultur. Diese ist besonders in den Großstädten omnipräsent, in deren Straßen und Plätzen beispielsweise die Jahreszeiten kaum mehr wahrzunehmen sind. Die virtuellen, technischen Welten werden immer mächtiger. Der Blick aufs Smartphone oder Tablett ersetzt den Blick auf die Natur.

Es liegt bei Paines Skulptur eine doppelte Diskrepanz vor: Sein Dendroid ist weder ein Naturprodukt noch ist er ein technisches Produkt im Sinne einer Maschine. Er ist ein Kunstwerk! Kunstwerke sind oft in einer Art Zwischenwelt angesiedelt, sie haben ein spezifisches Sein, eine eigene Ontologie. Sie formen neue Realitäten, indem sie auf vorhandene Bezug nehmen und diese variieren. Genau dieses Spiel treibt der Künstler mit seinem Schwabinger Dendroiden auf raffinierte und erlebenswerte Weise. Congrats Roxy Paine!

Schnappschuss: Clouds

www.kunst-tour.de_messner(CE) Unter dem Titel Clouds hat es der Südtiroler Aktionskünstler Philipp Messner in der Nacht von Sonntag auf Montag in München schneien lassen. In grellem Blau, Gelb und Rot leuchtet nun der Schnee auf der Wiese vor der Alten Pinakothek. Bewerkstelligt hat Messner sein „performatives, skulpturales Happening“ mit drei Schneekanonen. Dem Kunstschnee hat er Lebensmittelfarbe beigemischt. Das Ergebnis lässt sich sehen! Eine surreale Schneelandschaft mitten in München. „Der bunte Schnee hat schon was von Bildstörung“, so der Künstler ganz richtig. Spuren ziehen, Schlitten fahren, Schneemänner bauen, das alles ist ausdrücklich erlaubt. Das Happening kommt an, spielende Kinder, Erwachsene, alle machen mit. Solange das Wetter mitspielt und es nicht zu mild wird, bleibt der Spaß bis zum 5. Februar allen erhalten. Also, Herr Messner, lassen Sie es weiter schneien. Die Rot- und Gelbtöne sind schon ein wenig ausgeblichen.

 

 

Painting 2.0 – Malerei in unserer Zeit

(CE) Diese Ausstellung stellt die richtigen Fragen: Wie hat sich die Malerei seit 1960 in der westlichen Konsum- und Informationsgesellschaft entwickelt, deren Kennzeichen Spaß, Werbung und Spektakel sind? Wie reflektiert sie die veränderten Vorstellungen vom menschlichen Körper, ja vom Menschen selbst, ausgelöst durch die Bildflut der Werbung und neuen Medien? Wie hat sich die altehrwürdige Kunstgattung gegenüber Film, Video, Performance, Environment und Mixed Media Installation behauptet?

Immer wieder tot gesagt, hat die Malerei ihre Bedeutung als wichtigste Gattung der Bildenden Kunst nie verloren, davon zeugen sämtliche Kunstrankings der letzten 50 Jahre. Das Ende der Malerei aus der Sicht mancher Kunstkritiker und Theoretiker hatte nie viel mit der Realität und den Vorstellungen des Kunstpublikums, der Sammler und der Öffentlichkeit zu tun.

Die Ausstellung im Museum Brandhorst, die bis auf den Lepanto-Saal alle drei Ebenen des Hauses bespielt, ist im wörtlichen Sinne imposant. Ihre Größe und ihr Spektrum mutet den Besuchern einiges zu. Es werden keine dünnen Bretter gebohrt. Tatsächlich haben die Macher den Anspruch, die Entwicklung der westlichen Kunst seit 1960 darzustellen und die Sicht auf eben diese durch ihre Ausstellung zu verändern.

Die Grundthese lautet, dass die Malerei sich inhaltlich wie formal auf die tiefgreifenden gesellschaftlichen und technologischen Veränderungen der Moderne eingelassen hat. Painting 2.0 macht deutlich, dass Malerei schon lange nicht mehr Öl oder Akryl auf Leinwand bedeutet. Im Sinne eines erweiterten Malereibegriffs werden Materialien wie beispielsweise Bauschaum, Plastikfolie oder Neonröhren eingesetzt. Es werden neue Verfahren wie Siebdruck, Décollage, Graffiti oder Tintenstrahldruck verwendet. Und auch die Grenze zu anderen Gattungen wie der Plastik, der Installation, der Fotografie und des Videos ist von den Malerinnen und Malern eingerissen worden. Alle diese Entwicklungen, der Einfallsreichtum der Malerei, sind in der Ausstellung überreich und spannend zu verfolgen.

Und so ist der Grundthese der Ausstellung Recht zu geben: Die Malerei war nie tot. In ungebrochener Vitalität hat sie gesellschaftliche, technische und innerkünstlerische Entwicklungen nicht nur kommentiert und thematisiert, sondern sie wie ein Vampir eingesogen, sich zu Nutze gemacht und einverleibt.

Painting 2.0 wartet mit großen Namen und Werken auf: Baselitz, Beuys, Immendorff, Klein, Lassnig, Polke, Rauschenberg, Richter, Twombly und Warhol. Absolut gewinnbringend ist es, sich den Arbeiten nicht ganz so bekannter Malerinnen und Maler zu widmen. Persönlich haben mir Werke besonders von Monika Baer, Carroll Dunham, KAYA (Debo Eilers & Kerstin Brätsch), Isa Genzken, Albert Oehlen und David Reed gefallen. Es gibt wahrlich viel zu entdecken. Wen die Malerei unserer Zeit interessiert, ja ganz generell, wer Malerei liebt, muss die Ausstellung Painting 2.0 gesehen haben.

Klee & Kandinsky – Ein Fest der Freundschaft!

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(DE) Endlich ist es so weit: die lang erwartete Ausstellung ´Klee & Kandinsky: Nachbarn, Freunde, Konkurrenten´ im Kunstbau des Lenbachhauses hat letzte Woche eröffnet. Über dreißig Jahre waren die beiden Ausnahmekünstler in wechselvollen Zeiten miteinander verbunden. So unglaublich es klingt, es ist das erste Mal, dass die beiden Künstler derart umfassend gegenübergestellt werden. Hochkarätige Leihgaben u.a. aus dem Guggenheim Museum New York und dem Centre George Pompidou Paris bereichern die fulminante Schau.

Mit über 190 Werken spannt die mit dem Klee Zentrum Bern erarbeitete Ausstellung einen großen Bogen: von beider Anfänge und der Zeit des Blauen Reiters in München zu den gemeinsamen Bauhausjahren in Weimar und Dessau bis hin zum eindrucksvollen Spätwerk Kandinskys in Paris und Klees in Bern. Auf absolut sehenswerte Weise verdeutlicht die Ausstellung die künstlerischen und menschlichen Gemeinsamkeiten und Unterschiede, das wechselnde Kräfteverhältnis und die gegenseitige Inspiration zwischen beiden. Gemeinsam spornten sich die Nachbarn, Freunde und Konkurrenten zu immer wieder neuen Ausdrucksformen an.

Lenbachhaus München, Kunstbau. Bis zum 26. Januar 2016.
Kartenreservierung empfohlen über www.lenbachhaus.de/tickets