Schnappschuss: Clouds

(CE) Unter dem Titel Clouds hat es der Südtiroler Aktionskünstler Philipp Messner in der Nacht von Sonntag auf Montag in München schneien lassen. In grellem Blau, Gelb und Rot leuchtet nun der Schnee auf der Wiese vor der Alten Pinakothek. Bewerkstelligt hat Messner sein „performatives, skulpturales Happening“ mit drei Schneekanonen. Dem Kunstschnee hat er Lebensmittelfarbe beigemischt. Das Ergebnis lässt sich sehen! Eine surreale Schneelandschaft mitten in München. „Der bunte Schnee hat schon was von Bildstörung“, so der Künstler ganz richtig. Spuren ziehen, Schlitten fahren, Schneemänner bauen, das alles ist ausdrücklich erlaubt. Das Happening kommt an, spielende Kinder, Erwachsene, alle machen mit. Solange das Wetter mitspielt und es nicht zu mild wird, bleibt der Spaß bis zum 5. Februar allen erhalten. Also, Herr Messner, lassen Sie es weiter schneien. Die Rot- und Gelbtöne sind schon ein wenig ausgeblichen.

 

 

Drunter und Drüber – Infrarotbild und Original in der Alten Pinakothek

(CE) Das berühmte Selbstporträt aus dem Jahr 1500 von Albrecht Dürer hat mich schon als Kind fasziniert. Nun ist es möglich, durch digitale Infrarotreflektografie Dürers Unterzeichnung sichtbar zu machen. Etwas, das nur der Maler selbst sah – und nach Jahrhunderten jetzt wir. Sechs prominente Werke von Dürer, Cranach, Altdorfer, Baldung Grien und Holbein samt ihrem 1:1 Infrarotbild zeigt noch bis zum 18. September eine kleine Schau in der Alten Pinakothek. Und der Vergleich zwischen Vorzeichnung und fertigem Werk ist wirklich faszinierend.

So hat sich Dürer in der Unterzeichnung schonungslos realistisch porträtiert, präziser, härter. Einer Maske oder einem Make-up nicht unähnlich, hat er dann mit Ölfarben eine zweite finale Schicht auf die Vorzeichnung gelegt. Die Nase ein wenig begradigt, Hautunreinheiten beseitigt, Kantiges und Falten geglättet. – Machen wir das nicht alle genau so? Jeder hat ein Drunter und ein Drüber. Es ist spannend, wenn beide Schichten sich unterscheiden, in Graden und Einzelheiten. Sind sie nicht mehr deckungsgleich, wird es in vielerlei Hinsicht schwierig.

 

KUNST-TOUR ist ein Netzwerk von Kunsthistorikern und bietet Museums-, Ausstellungs- und Stadtführungen sowie Kulturprogramme in und um München.

 

Vermeer in München

(CE) Manchmal lohnt es sich, eine Ausstellung nur wegen eines Bildes zu besuchen. Eine solche ist die heute eröffnete kleine Schau in der Alten Pinakothek Vermeer in München, in der sich alles um ein Meisterwerk dreht, dessen Zauber und Glanz alle anderen mitausgestellten Gemälde überstrahlt: Vermeers Frau mit Waage von 1663/64. Es ist ein seltener Glücksfall, dass dieses Gemälde aus der National Gallery in Washington überhaupt in München zu sehen ist. Kunstwerke dieser Kategorie werden heute in der Regel nicht mehr ausgeliehen. So gibt es für die Alte Pinakothek allein laut Generaldirektor Schrenk eine Liste von 116 Werken, die unter keinen Umständen das Haus verlassen dürfen.

Eine Rolle hat bei der dreimonatigen Leihgabe sicher die Geschichte des Gemäldes gespielt. Es befand sich nämlich ehemals im Besitz des ersten bayerischen Königs Max I. Joseph. Nach seinem Tod wurde es 1826 für kleines Geld versteigert. Man mutmaßte damals zwar, es könne von einem Johannes Vermeer aus Delf stammen. Vermeer selbst aber galt zu dieser Zeit als zweitrangig. Entdeckt und gepriesen als Inbegriff der Malkunst des Goldenen Zeitalters wird er erst Jahrzehnte später. Verehrt wird Vermeer bis heute, 2003 übrigens in dem wunderbaren Film Das Mädchen mit den Perlenohrring mit Colin Firth und Scarlett Johansson in den Hauptrollen.

Was macht eigentlich ein Meisterwerk aus? – In der Kunst ist es immer primär die Form, nicht der Inhalt. Ein Schriftsteller, der große Inhalte schlecht erzählt, schafft keine große Kunst. Umgekehrt: Ein van Gogh, der nichts weiter als einen einfachen Stuhl darstellt, vollbringt ein geniales Werk. Was aber ist das Besondere an der Form eines Meisterwerks? Die Franzosen haben dafür eine schöne Redewendung gefunden. Sie nennen es das ´Je ne sais quoi´ (Ich weiß nicht was genau). Gemeint ist das Einzigartige, das Besondere an einem Kunstwerk, das sich einer sprachlichen oder rationalen Beschreibung entzieht, dennoch aber erlebbar ist. Dieses ´quoi´ setzt sich aus verschiedenen Elementen zusammen. Alle zusammen bilden sie dieses gewisse Etwas. Bei Vermeer ist es die besondere Atmosphäre, das Licht und oft auch die Stille in seinen Werken. Hinzukommen die ausgewogene und dennoch spannungsreiche Komposition und schließlich die Art und Weise seiner Farbgebung: weich, gedämpft, matte und glänzende Partien, leicht unscharf und doch ungemein stofflich. Nun, darüber sind ganz Bücher geschrieben worden. Dies hier sind nur Andeutungen.

Natürlich schadet es nicht, wenn zu einer gelungenen Form ein interessanter Inhalt hinzukommt. In Vermeers Werk ist es die Tätigkeit der jungen Frau, das Ausbalancieren einer Goldwaage in Verbindung mit dem sie hinterfangenden, goldgerahmte Gemälde an der Rückwand, welches das Jüngste Gericht darstellt.  Denjenigen, die gewogen und zu leicht befunden werden, droht die ewige Verdammnis, während den anderen das Himmelsglück winkt. An dieser Konstellation – Schmuck, Gold und irdischer Tand im Vordergrund, der christliche Glaube im Hintergrund, dazwischen die junge, hübsche Frau – haben sich viele Interpretationen entzündet. Manche sehr  plausibel, andere weniger. Hier jedoch zeigt sich eine andere, wichtige Komponente eines großes Werks: Der Inhalt des Gemäldes ist nicht eineindeutig, sondern lässt verschiedene Deutungen zu. Das meisterhafte Werk lässt viele Gedanken aufkommen und wird aller Wahrscheinlichkeit nach auch künftige Generationen zu neuen Interpretationen anregen.

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