Pariser Kunst in München

(CE/DE) Die heute eröffnete Ausstellung im Münchner Haus der Kunst ´Eine Geschichte – Zeitgenössische Kunst aus dem Centre Pompidou´ ist stark. Mehr als das: Die Schau ist großartig. Noch nie hat die Pariser Kunstinstitution ihre exzeptionelle Sammlung moderner Kunst in dieser Breite und Tiefe auf die Reise geschickt.

Macherin ist die Chefkuratorin des Centre Pompidou Christine Macel, welche kürzlich als Kuratorin für die nächste Biennale in Venedig 2017 berufen wurde. Das lässt uns für die nächste Biennale frohlocken. Die Art und Weise, wie geschmackssicher und facettenreich Macel für die Münchner Schau Werke großer Qualität ausgewählt hat, sie in sinnvolle Zusammenhänge gliedert und wie sie diese leicht, heiter und ernst zugleich präsentiert, ist einzigartig. Auf der gestrigen Pressekonferenz sprach sie völlig unprätentiös in einfachen Worten über die moderne Kunst, klar und persönlich – wie wohltuend gegenüber dem hermetischen und eitlen Jargon vieler Kunstkritiker und Kunsthistoriker der zeitgenössischen Szene. Hier erste Bilder von der Ausstellung, die bis zum 4.9. in München zu sehen ist. Welch ein Glück!

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Marlene Dumas‘ „Tronies“ im Haus der Kunst

(CE) In einem Museum begegnet einem manchmal die eigene Vergangenheit. Jedenfalls mir  – wie gestern bei unserem Besuch der Ausstellung von Marlene Dumas im Münchner Haus der Kunst. Plötzlich stand ich vor ihrem Werk The Accident, einem Porträt des Amsterdamer Galeristen Milco Onrust aus dem Jahr 1986, und dachte: Moment, das Bild kennst du gut, mehr als gut. Jahrelang hing es als Poster an der Tür meines Münchner WG-Zimmers. Ich erinnere mich noch genau, wann und wo ich die südafrikanische Malerin entdeckte. Im Winter 1989-90 in einer Galerie in Paris Saint Germain bei einem Spaziergang.  Ihre Sachen gefielen mir so gut, dass ich den Katalog und das besagte Poster kaufte. Die in Amsterdam lebende Malerin war damals noch recht unbekannt;  mittlerweile ist sie ein Star in der Kunstszene. Zu Recht.

Der Witz und das Besondere der aktuellen Dumas-Ausstellung im Haus der Kunst liegt in der Gegenüberstellung ihrer Arbeiten mit holländischen „Tronies“ aus dem 17. Jahrhundert. Das aus dem Mittelfranzösischen stammende Wort Tronie bedeutet Kopf oder auch Gesicht. Tronies waren im goldenen Zeitalter der holländischen Malerei eine eigene Gattung. Anders als Porträts waren sie keine Auftragsbilder und stellten auch keine individuellen Personen dar. Den Malern dienten sie in erster Linie als Charakterstudien und Übungsköpfe, teilweise auch als Vorstudien für größere Gemälde. Die bekannteste Tronie ist Vermeers berühmtes Gemälde Das Mädchen mit dem Perlohrring (1665).

Die menschliche Physiognomie steht seit jeher im Zentrum von Dumas´ künstlerischem Interesse. Bevor sie sich auf ihre Malerei konzentrierte, hat sie Psychologie bis kurz vor dem Abschluss studiert. Wie ihre holländischen Vorgänger gelingt es Dumas, unterschiedlichste Gesichtsausdrücke und menschliche Stimmungen auf Leinwand zu bannen. So sieht man in der Schau u.a. eine Reihe von sechs, sieben nebeneinander gehängten „Gesichtern“, in denen erkennbar eine ganz bestimmte Emotion von Dumas dargestellt ist. Phantastisch. Besonders beeindruckt hat uns daneben ihre virtuose Aquarelltechnik, bei der jeder Strich, jede lasierte Farbfläche sitzt. Auch viele ihrer Bilder in Öl sind wie Aquarelle gearbeitet, lasiert, zart, teilweise ätherisch (siehe oben ihr Ölgemälde Helena´s Dream von 2008).

Zu sehen sind in der Ausstellung ebenfalls Dumas´ Porträts bekannter Zeitgenossen wie Saddam Hussein, Osama Bin Laden, Barbie und Naomi Campell.  Und eben das von Milco Onrust, den sie in The Accident nach einem Fahrradunfall mit einem Stirnverband  festgehalten hat. Wir nannten das Bild immer nur Der Boxer, wahrscheinlich weil ich damals mit dem Boxen angefangen habe und der Dargestellte tatsächlich wie ein Boxer aussieht. Leider war das Fotografieren auch ohne Blitz in der Ausstellung verboten; im Netz ist das Bild leider nicht auffindbar. Also selbst in die Ausstellung gehen (noch bis zum 6.2.). Es lohnt sich wirklich.

KUNST-TOUR ist ein Netzwerk von Kunsthistorikern und bietet Museums-, Ausstellungs- und Stadtführungen sowie Kulturprogramme in und um München.