Bayerisches Nationalmuseum: Dornröschen erwacht

(DE) Vor ein paar Tagen feierte der dem Barock und Rokoko gewidmete Westflügel des Bayerischen Nationalmuseums nach jahrelanger Sanierung seine glanzvolle Wiedereröffnung. Dort werden nun mehr als 600 Exponate, Skulpturen, Möbel, Gemälde, Porzellanfiguren, Prunkwaffen und vieles mehr aus dem 17. und 18. Jahrhundert in neuem Licht präsentiert. Sie zeugen von den Kunstvorlieben und dem Geschmack der bayerischen Kurfürsten.

Besondere Highlights sind der sogenannte Gartensaal, der sich den Facetten der barocken Gartenkunst widmet, außerdem das sogenannte Landshuter Zimmer, dessen aufwändige Gestaltung die Wohnwelt des Adels im 18. Jahrhundert erlebbar macht. Einen weiteren Schwerpunkt bilden schließlich die lebensgroßen Skulpturen von Johann Baptist Straub und Ignaz Günther.

Besondere Mühe gab man sich bei der Beleuchtung, für die ein französischer Lichtdesigner engagiert wurde. Er sorgte im komplexen Zusammenspiel von Kreativität und modernster Technik dafür, dass die Objekte in den Vitrinien, die minimalistischen Theaterbühnen gleichen, individuell ausgeleuchtet werden. Jeweils bis zu 250 winzige LEDs wurden dafür punktgenau auf interessante Stellen der Kunstwerke gerichtet und lassen einen als Betrachter Details sehen, die man sonst sicher nicht entdeckt hätte – ein ganz besonderes Erlebnis!

Auch in der Kunstvermittlung setzt das Museum nun auf Multimedia, so ermöglichen Medienstationen mit Touchscreens spannende Blicke, beispielsweise hinter verschlossene Schranktürchen. Begeben Sie sich demnächst einmal auf eine Reise durch die bayerische Kunst- und Kulturgeschichte, gerne mit einer fachkundigen Führung durch Kunst-Tour.

Im Anschluss kann man im schön gestalteten begrünten Innenhof, der einem französischen Schlossgarten nachempfunden ist, bei einer Tasse Kaffee oder anderen Erfrischungen die Seele baumeln lassen. Bilder der alten und neuen Räumlichkeiten finden Sie auf unserer Kunst-Tour Website.

Erste Eindrücke der Ausstellung ´Mit Leib und Seele´

(CE) Unter dem Titel ´Mit Leib und Seele – Münchner Rokoko von Asam bis Günther´ hat die Hypo-Kunsthalle in Kooperation mit dem Diözesanmuseum Freising eine wahrhaft großartige Schau auf die Beine gestellt. Erstmals seit 30 Jahren ist in München derart umfangreich und überwältigend die goldene Epoche bayerischer Kunst wieder zu sehen. Das bayerische Rokoko, diese besondere Blüte der Künste von 1720 bis 1780, prägt bis heute München und besonders Oberbayern, es gibt seinen Schlössern, Rathäusern, Kirchen und Klöster das typisch bayerische Gesicht. Die Bedeutung dieser Zeit für Bayern ist künstlerisch, kulturell, mentalitäts- und religionsgeschichtlich gar nicht hoch genug zu veranschlagen.

Welch phantastische Bildhauer, Maler, Stuckateure, Architekten und Gesamtkünstler hat Bayern im 18 Jahrhundert nicht angezogen oder selbst hervorgebracht: Die Gebrüder Asam, Johann Baptist Straub, Franz Aton Bustelli, Francois Cuvilliés, Ignaz Günther, Roman Anton Boos und andere. Sie alle sind mit Ausnahme (leider) von Cuvilliés in der Ausstellung mit Hauptwerken in breiter Zahl vertreten. Der Schwerpunkt liegt auf der sakralen Kunst, welche die dominante Strömung zumindest in Bayern bildete. So beschäftigen sich Ausstellung und Katalog auch mit der Frömmigkeit, den höfischen und bürgerlichen Wertvorstellungen der Zeit und weiten den Blick bewusst aus – weg von einer rein formal kunsthistorischen, akademisch verengten Perspektive, wie wir es in der Vergangenheit oft bei anderen Ausstellungen ähnlicher Thematik erlebt haben.

Die Fotos unten zeigen erste Eindrücke der in den Räumen der Hypo-Kunsthalle großartig inszenierten Schau. In solcher Zahl Meisterwerke von Asam, Straub oder Günther versammelt zu sehen ist beeindruckend. Das Charakteristische der verschiedenen Künstlerpersönlichkeiten und ihrer Werke wird so unmittelbar deutlich. Auch liegt in ein besonderer Reiz in der Herangehensweise der Macher, sich auf die einzelne Skulptur zu konzentrieren. Einerseits löst dies die Exponate aus dem Zusammenhang des Gesamtkunstwerks etwa einer Kirchenausstattung zwangsläufig, andererseits kommt so die einzigartige Qualität der einzelnen Kunstwerke noch stärker zum Vorschein. So konzentriert und in dieser Breits jedenfalls habe ich an einem Ort das bayerische Rokoko noch nie gesehen (und genossen).

 

 

Engel in Oberbayern

(CE) Es gibt ja Orte, die eine besonders hohe Engel-Dichte besitzen. Oberbayerische Kloster- und Pfarrkirchen zum Beispiel. Ganze Engel-Familien, um nicht zu sagen Heerscharen bevölkern vom Allgäu bis Chiemgau die bayerischen Rokokokirchen. Auf Erden fühlen sich die himmlichen Wesen im Voralpenland offensichtlich besonders wohl – etwas, was sie mit vielen Menschen teilen. In einer bestimmten Pose oder Bewegung erstarrt, halten die Engel tagsüber ganz still und warten darauf, dass abends die schweren Eingangstüren geschlossen werden und Nacht sich über die Kirchenschiffe legt. Dann beginnt das große Flattern und Jubilieren. Die himmlichen Wesen erwachen zum Leben, fangen an zu trompeten, zu fiedeln und Hallejulah zu singen. Ähnlich wie im Hollywood-Film Nachts im Museum mit Ben Stiller, stell ich mir so vor.

Ständig Gottvater, Jesus, Maria und Josef, sämtliche Heilige wie auch Kanzeln, Reliquienschreine, Haupt- und Seitenaltäre, Orgeln, Beichstühle und sonstiges kirchliches Inventar zu umschwirren – und das auch noch auf möglichst dekorative Weise – ist, Allmächtiger, anstrengend. Was so mühelos aussieht, ist sicher sehr schwierig. Dahinter steckt viel Training, auch für Engel.

Wie viele wissen: Engel ist nicht gleich Engel. Es gibt Erzengel, Cherubine, Schutzengel, Weihnachtsengel, gelbe Engel, Jubel- und Musikengel. Sehr flexibel passen sie sich unseren Vorstellungen an. So schaut ein Putterl von Egid Quirin Asam in der Münchner Asamkirche ganz anders aus als eines von Dominikus Zimmermann, der sie sich als Kleinkinder mit Männer-Gesichtern vorstellte, wie man in der Wieskirche sehen kann.

Meiner Meinung nach viel schönere Engel als der berühmte Zimmermann hat der Weilheimer Franz Xaver Schmädl in der Pfarrkirche Mariae Geburt in Rottenbuch geschaffen. Das ehemalige Gotteshaus (links) der Augustinerchorherren ist eine wahre Rokoko-Pracht, bezaubernd schön, ein echter Ausflugstipp. Das Klosterareal ist, anders als die Wieskirche, völlig untouristisch. Ein kleiner Krämerladen beim Klostertor, vor der Wirtschaft sitzen ein paar Eingeborene in der Frühlingssonne, Fahrradfahrer radeln vorbei, Friede auf Erden.

Und natürlich diese Engel von Meister Schmädl (siehe die Fotos). Manche sitzen beinander und scheinen eher zu plauschen als den Rosenkranz zu beten. Andere singen ein bisschen. Viele spielen, verteilt über den ganzen Kirchenraum, ein Musikinstrument. Wie das wohl klingt, nachts, wenn die Engel alleine sind? Ich würd´s ja gern mal hören, aber da sind die Kirchen ja leider immer fest verschlossen.

KUNST-TOUR ist ein Netzwerk von Kunsthistorikern und bietet Museums-, Ausstellungs- und Stadtführungen sowie Kulturprogramme in und um München.